Dankbar schaut die junge Amerikanerin zu, wie Loisl Ranalter, Leiter der Rettungsstelle am Stubaier Gletscher, die Salbe auf ihren geschundenen Schienbeinen verstreicht. Nicht ein Skiunfall hat sie in den Rettungsraum an der Bergstation Gamsgarten geführt, sondern schlicht ein schlecht sitzender Skischuh.

EIN HELFER FÜR ALLE FÄLLE

„Es kommt häufig vor, dass Leute mit kleineren Problemen zu uns kommen“, erklärt der 60-jährige Ranalter. Bereits seit 20 Jahren arbeitet er in der Rettungsstelle der Bergbahn und kümmert sich um die kleinen und großen Sorgen der Skifahrer. „Skifahren mit Kopfschmerzen macht einfach keinen Spaß. Da helfen wir gerne.“ Zwar ist der Rettungsraum keine Arztpraxis, aber ein paar Schmerztabletten, tröstende Worte und eine kühlende Salbe haben sie hier immer zur Hand.

Für alle umfassenderen Probleme sind die Ärzte und Kliniken im Tal zuständig. Dorthin wird nun auch eine Stuttgarterin mit ihren zwei Freunden gebracht, die Loisl und sein Kollege gerade mit ihrer speziell ausgestatteten Pistenraupe vom Skihang abgeholt haben. Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Erst wenige Stunden zuvor waren sie die weite Strecke von Stuttgart aus angereist, um einen ersten Saisontag Pistenspaß und Powder am Stubaier Gletscher zu erleben. Doch die Freude währte nur kurz. Starke Schmerzen im Knie, die verdächtig nach einem Kreuzbandriss aussehen, beenden den Tag vorzeitig. Eine genaue Diagnose wird in der Rettungsstelle nicht gestellt. Das übernimmt der Arzt im Tal. Dorthin geht es jetzt auch für die Stuttgarterin. Erst mit dem Rollstuhl in die Gondel, an der Talstation wartet dann ein Krankentransport auf sie, der sie zur Arztpraxis fährt. Das alles organisiert die Rettungsstelle, so muss sich die junge Frau zunächst um nichts kümmern.

NO RISK – BUT FUN

„Solche kleineren Unfälle sehen wir leider häufig“, erklärt Loisl Ranalter. „Viele Leute bereiten sich auf den Winterurlaub nicht unbedingt vor, in dem Sinne, dass sie sich sportlich betätigen. Dann geht es das erste Mal auf die Piste und in der Euphorie überschätzen viele sich selbst.“ Ein Großteil der Unfälle passiere dadurch, dass die Skifahrer zu schnell fahren. „Die Pisten am Gletscher sind sehr breit und eben“, erklärt Ranalter. Das erlaubt ein höheres Tempo und damit steigt auch die Verletzungsgefahr. Die meisten Skiunfälle könnten die Sportler selbst verhindert, so Ranalter. Man müsse sich nur an einige Regeln halten. Dazu gehört eine gute körperliche Kondition, angepasste Fahrweise und gegenseitige Rücksichtnahme und, auf einem Gletscher natürlich besonders wichtig, der Verbleib auf den markierten Pisten.

Wer den Stubaier Gletscher auch abseits der Pisten im Tiefschnee erleben will, dem stehen in der Region viele erfahrene Ski- und Tourenguides zur Verfügung, die ihren Berg bestens kennen und den Gästen auf diese Weise ein sicheres Freeride-Erlebnis im Gelände bieten können. Das eigenmächtige Verlassen der Pisten ohne entsprechende Ortskunde dagegen ist unverantwortlich und auch für die Rettungskräfte keine Lappalie. „Man sollte eben nicht vergessen, dass man sich im Hochgebirge bewegt und dass ein Gletscher abseits der Pisten vom Gefahrenpotenzial anders einzuschätzen ist, als ein Skigebiet auf 2.000 Metern“, sagt Loisl Ranalter. Aber manche seien eben unbelehrbar. „Du kannst 50 Tafeln aufstellen, gesperrt, Lawinen, Absturzgefahr – aber sie ignorieren das“, sagt Ranalter etwas frustriert. „Das ist für uns dann natürlich auch nicht angenehm, wenn wir die Leute da rausholen müssen.“

JEDERZEIT HILFSBEREIT

Erfreulicher Weise verhalten sich die meisten Skifahrer jedoch vernünftig, so dass solche Einsätze nicht allzu häufig sind. Wenn aber doch einmal etwas passiert, ob nun auf der Piste oder im Gelände, ist man am Stubaier Gletscher bestens ausgerüstet. In beiden Bergstationen, Gamsgarten und Eisgrat, steht ständig ein Rettungsteam bereit. Wie Loisl Ranalter, der viele Jahrzehnte als staatlich geprüfter Skilehrer und Skiführer nicht nur im heimatlichen Stubaital unterwegs war, sondern dem Schnee sogar bis Australien und Japan nachreiste, sind sie alle erfahrene Skifahrer und Bergführer, die den Gletscher bestens kennen. Loisl Ranalter hat die Entwicklung des Stubaier Gletschers als Skigebiet vom ersten Tag an miterlebt. Er selbst sagt, er kenne das Gebiet sehr, sehr gut. Und das ist vermutlich noch stark untertrieben.

Zusätzlich zu ihrer Erfahrung hat die Mannschaft eine spezielle Sanitäterausbildung, die die Erstversorgung Verletzter und auch ihre psychologische Betreuung ermöglicht. Oft ist das sogar der wichtigste Faktor. „Die eigentliche Verletzung ist häufig gar nicht so schlimm“, erzählt Loisl. „Aber die Leute haben natürlich viele Sorgen. Sie sind weit weg von zu Hause, wissen nicht genau, was jetzt auf sie drauf zu kommt, wie sie alles organisieren sollen.“ Genau dabei hilft ihnen die Rettungsstelle und sorgt dafür, dass alles unkompliziert und reibungslos abläuft.

FAHREN MIT VERSTAND

Zur Verfügung steht dem Rettungsteam hochmodernes Gerät. So sind die Pistenraupen, die für den geschützten sitzenden und liegenden Transport Verletzter ausgerüstet sind, eine Besonderheit am Stubaier Gletscher. Wo die Pistenfahrzeuge nicht hinkommen, arbeitet die Rettungsstelle eng mit der Bergrettung zusammen. Wenn nötig, werden ganz klassisch Ski und der Akia eingesetzt. In der Regel aber wird dann der Hubschrauber hinzugerufen, der den Gletscher in nur 10 Minuten erreicht.

Loisl Ranalter liebt seinen Beruf. Er hat schon immer gerne mit Menschen gearbeitet und freut sich, wenn er helfen kann. Lieber ist es ihm aber trotzdem, wenn die Skifahrer am Stubaier Gletscher gar nicht erst auf seine Hilfe angewiesen sind. Daher kann er es gar nicht oft genug sagen: „Im Prinzip gilt das gleiche wie im Straßenverkehr… Gegenseitige Rücksichtnahme, eine an die Verhältnisse angepasste Fahrweise, das Befolgen einiger einfacher Regeln und einfach mal den Hausverstand einsetzen.“ Dann ist sichergestellt, dass der Skitag genauso perfekt und unbeschwert endet, wie er begonnen hat.

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