Sie heißen „Schneewittchen“, „Eiszeit“ oder „Männer ohne Nerven“ – Im Stubaital wimmelt es nur so von gefrorenen Wasserfällen. Die Gegend ist ein wahres Eldorado für Eiskletterer. Auch ich bleibe vom Zauber der kristallenen Eissäulen nicht verschont. Wunderschön und gleichzeitig Ehrfurcht gebietend ragen sie aus dem Fels, eine Herausforderung, die das Bergsportlerherz höherschlagen lässt. Doch ich bin kein Profi, mit Eis habe ich klettertechnisch überhaupt keine Erfahrung. „Kein Problem“, sagt Bergführer und Eiskletterexperte Marco Span. Auch Anfänger dürfen sich an dieses Abenteuer wagen, vorausgesetzt, man hat fachkundige Begleitung.

Zum Üben geht es an den Stubaier Gletscher. Gleich neben der Bergstation Gamsgarten, befindet sich ein 17 Meter hoher Eisturm. Dort ist man sicher vor alpinen Gefahren und kann bei „Toprope“-Verhältnissen die Eisklettertechnik einstudieren. Hier mache ich erste Erfahrungen mit Eispickeln und Steigeisen. Ich liebe es, wenn das Eis knirscht und die glitzernden Kristalle splittern. Doch es verunsichert mich ein wenig, dass die Spitze des Pickels nur wenige Zentimeter im Eis steckt. Ähnlich ist es mit den Steigeisen, nur die vorderen Zacken tragen mein Gewicht. Kaum zu glauben, aber es funktioniert. Schritt für Schritt steige ich nach oben. „Vertrauen zum Equipment, ist das Wichtigste beim Eisklettern“, erklärt Bergführer Marco, der am Boden steht und das Sicherungsseil fest in den Händen hält.

Für meine Premiere am Wasserfall wählt Marco den Tröglerfall, eine mittelschwere Tour mit Schwierigkeitsgrad WI 4-. Die Skala geht von eins bis sieben und berücksichtigt nicht nur die Steigung, sondern auch die Kompaktheit des Eises. Marco erklärt: „Wasser kann auf unterschiedliche Arten gefrieren. Tropfen oder Röhren sind schlecht zum Klettern. Bläuliches Eis ist ideal, denn es ist am kompaktesten und bricht nicht so leicht.“ Mit dem Klettern am Fels kann man das Eisklettern nicht vergleichen. Während am Fels die Konturen gleich bleiben, kann das Eis schon am nächsten Tag ganz anders aussehen. Deshalb ist beim Eisklettern Erfahrung gefragt. Meiner Meinung nach spielen auch die Nerven eine wichtige Rolle. Höhenangst sollte man keine haben.

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Das Klettern am Wasserfall ist anders als am Eisturm. Marco steigt vor und setzt die Schrauben, ich sichere ihn und steige dann nach. Trotz aller Anstrengung ist es ein erhebendes Gefühl dieses raue, wilde und doch so schöne Element Schritt für Schritt zu bezwingen. An diesem Tag schaffen wir etwa 50 Meter, zwei Seillängen. Ich bin fix und fertig und gleichzeitig auch wahnsinnig stolz. Offensichtlich können sich nicht nur große, starke Männer am Eis bewähren, sondern auch kleine Mädchen.

Infos:

Hauptsaison für Eisklettern ist Mitte Dezember bis Ende Februar. Einsteigerkurse und Touren bucht man beim Bergführerbüro Stubai-Alpin (www.stubai-alpin.com) in Neustift. Dort erhält man auch Auskünfte zu den aktuellen Eisverhältnissen. Freitags von Dezember bis März findet am Eisturm am Stubaier Gletscher ab 13.00 Uhr für 10 Euro ein Schnupperklettern statt, eine Voranmeldung ist dazu nicht nötig. Die Steigeisen passen an Ski- und Snowboardschuhe.

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