Soweit ich mich zurückerinnern kann, gehört das „Rachen gehen“ für mich zu Weihnachten wie der Christbaum und die Weihnachtskekse. Als Kind hat es für mich oft nur die Wartezeit bis zur Bescherung verlängert, jetzt ist es eine Tradition, die wir als Familie immer gerne weiterführen. Doch was versteht man eigentlich unter den Rauhnächten und aus welchem Grund wurde dieses Ritual durchgeführt?

Rauhnächte

Als die 12 Rauhnächte wurden die Tage zwischen 24. Dezember (ursprünglich 21. Dezember: Thomastag) und dem 6. Jänner bezeichnet. Diese Zeit galt als besonders heilig, gleichzeitig war es aber auch eine Zeit, in der das Tor zur „Anderswelt“ besonders weit offen sein soll und somit durchlässig für allerlei finstere Mächte. Man versuchte deshalb alles, um dem Unglück keinen Einzug zu gewähren.
Der Begriff „Rauhnacht“ leitet sich vom „Ausräuchern des Hauses“ ursprünglich wahrscheinlich durch einen Priester ab. Durch diese Segnung glaubte man im Spätmittelalter Geister und Dämonen abzuwehren.

Dieses Räuchern war früher in weiten Teilen Tirols üblich. In eine Pfanne oder einem anderen Behälter wird Glut aus dem Herd gegeben und darauf Weihrauch, Teile des am Palmsonntag geweihten Palmbesens oder andere geweihte Kräuter gelegt. Unter Gebet zieht man mit der Pfanne durch das Haus. Hinter dem Vorbeter mit der Rauchpfanne segnet eine zweite Person mit Weihwasser jedes Zimmer. Wenn ein Familienmitglied fehlte bedeutete dies Unglück oder den Tod. Die Glutreste wurden üblicherweise ins Feuer geworfen. Zum Abschluss wird ein Rosenkranz gebetet.

„Rachen gehen“ heute – Meine Kindheitserinnerung

Heute wird in manchen Orten Tirols noch am Weihnachtsabend, Neujahr oder am Abend des Dreikönigsfestes geräuchert. Auch bei uns war dies in meiner Kindheit der Fall und auch heute noch leben wir diese Tradition vor allem am Weihnachtsabend weiter. Gerne möchte ich deshalb meine ganz persönlichen Kindheitserinnerungen zum „Rachen gehen“ mit Euch teilen.

Am Weihnachtsabend herrschte immer Aufregung. Nicht nur weil wir Kinder sehnsüchtig die Bescherung erwarteten, auch bei Oma und Opa war die Nervosität groß, denn alle Vorbereitungen für das „Rachen gehen“ mussten getroffen werden. Dazu zählte das Vorbereiten des Weihrauchs, des Weihwassers sowie der „Rach-Gatze“ (Kelle in der die Glut kommt). Oma und Opa haben den ganzen Abend ihren Holzherd „eingekentet“ (eingeheizt), denn vor allem „a guate Gluat“ (eine gute Glut) war besonders wichtig.

Sobald unsere Eltern mit der Arbeit im Gasthaus fertig waren, ging es endlich los. Alle haben sich warm angezogen, die Glut wurde in die „Rach-Gatze“ gegeben und der erste Weihrauch darauf gelegt. Die ganze Familie (Mama, Papa, meine Geschwister, Oma, Opa sowie meine zwei Tanten) versammelten sich um gemeinsam „Rachen zu gehen“.

Das Familienoberhaupt, mein Opa, führte die kleine Prozession immer an und Oma hat das Vorbeten des Rosenkranzes sowie das Weihwasser übernommen. Gemeinsam sind wir zuerst immer zum Haus unserer Tanten und danach zu unserem Haus gegangen. Wichtig war, dass alles geräuchert wird, vom Keller bis ins Dachgeschoss, vom Schupfen bis zu den Garagen mit den Autos. Als letztes war immer unsere Wohnung an der Reihe, bevor wir in Omas & Opas Küche zusammengekommen sind um das „Rachen gehen“ gemeinsam mit dem „Engel des Herren“ (Gebet) abzuschließen.

Die „Rach-Gatze“ ist zunächst an meinen Vater und jetzt an meinen Bruder übergegangen. Das Vorbeten sowie das Weihwasser übernimmt mittlerweile meine Mutter. Meine Aufgabe ist früher so wie heute die Gleiche geblieben: Ich bin verantwortlich für das Nachlegen des Weihrauchs.