Wälder im Nebel...

Dass es für eine Wanderung nicht immer perfektes Wetter haben muss zeigt Bloggerin Anna Tillmann und auch, dass niemals eine Wanderung einer anderen gleicht.

Keine Wanderung ist jemals wie die andere. Man kann zehnmal auf denselben Berg wandern und jedes Mal etwas Neues sehen. Entweder das Licht ist anders oder die Jahreszeit, mal strahlt die Sonne und mal liegt Schnee. Und manchmal ist das Wetter schon morgens so schlecht, dass man am liebsten im Bett liegen bleiben würde. Aber so wie kein Tag dem anderen gleicht, gleicht keine Wanderung der anderen. Und jede für sich ist lohnenswert.

Seltsam im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum kennt den andern,
Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)

Robert hat schlechte Neuigkeiten. Das Wetter wird morgen nicht mitspielen, wir werden unsere Pläne umwerfen müssen, erklärt er mir am Telefon. Es ist Regen gemeldet und man kann bei dieser Wettervorhersage nie wissen, wie tief die Wolken im Tal und in den Bergen hängen werden. Das heißt zwar nicht, dass wir nicht trotzdem wandern können. Aber es wäre zu gefährlich, bei Nebel auf einen Gipfel zu steigen.

Ich kann kaum glauben, dass das Wetter sich über Nacht derartig ändern soll. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, als Elisa und ich kurz hinter Innsbruck ins Stubaital einbiegen. Zwei Freundinnen, ein VW-Bus, die Wanderschuhe auf der Rückbank, große Pläne. Drei Tage lang wollen wir das Tal erkunden.

Wird das Wetter uns schon einen Strich durch die Rechnung machen, bevor wir zum ersten Mal in unsere Wanderschuhe geschlüpft sind?

Robert will das Programm umstellen. Und unser Bergführer hat auch schon eine Idee: Statt auf den Hohen Burgstall werden wir zuerst zum Naturschauplatz Eulenwiesen wandern – reine Vorsichtsmaßnahme. Bergwetter ist unberechenbar.

Vor dem Schlafengehen schaue ich noch einmal auf die Wetterapp. 22:56 Uhr, Temperatur: 18 Grad, leicht bewölkt. Der Blick aus dem Fenster bestätigt das. Ziemlich akkurat. Für den morgigen Tag sieht es düster aus… Bleibt zu hoffen, dass die Vorhersage in dem Fall nicht so akkurat ist. Ich bin froh, dass ich mir doch noch eine neue Regenjacke gekauft habe. Ich ärgere mich, dass ich nicht vorher noch getestet habe, wie wasserdicht sie tatsächlich ist.

Als ich knapp acht Stunden später die Vorhänge zur Seite ziehe, stelle ich fest, dass die Vorhersage nicht ganz genau war. Das, was ich da draußen sehe, ist noch schlimmer als befürchtet. Es ist kalt und feucht. Dunkle Wolken, wohin man schaut. Es regnet Bindfäden. Es ist gefühlte 18 Grad kälter als am Abend zuvor.

Ich kann in Elisas Gesicht lesen, was sie denkt, als wir noch in Schlafklamotten auf dem Hotel-Balkon stehen. Ich denke dasselbe. Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Schlafend stellen? Zugeben, dass wir aus Zucker sind?

Kommt überhaupt nicht in Frage! Also beißen wir die Zähne zusammen, streifen die Wanderhosen über die Beine und die Stiefel über die Füße und frösteln bei dem Gedanken an unsere bevorstehende Wanderung. Wir reden uns gegenseitig Mut zu: Hört bestimmt gleich auf, zu regnen, wird bestimmt warm, sobald wir uns erstmal bewegen, wart mal ab, nach dem Frühstück scheint bestimmt wieder die Sonne.

Und immerhin: Es tröpfelt nur noch leicht, als wir mit dem Taxi nach Gleins fahren. Von dort starten wir unsere Tour zu und über die Eulenwiesen bis nach Koppeneck. Sicherheitshalber haben wir Regenschirme eingepackt, doch unsere Kapuzen halten dicht. Und während der Nebel bleibt, wird der Regen weniger, während wir in den Wald hinein laufen und uns langsam aber stetig nach oben arbeiten.

Schnell ist mir klar, dass es eine gute Idee war, den schlechten Wetteraussichten zum Trotz den Schritt vor die Tür zu wagen. Ach was, die beste Idee des Tages!

Der Nebel hängt über Lichtungen und in den Bäumen. Wir können nicht weit sehen, aber das was wir sehen, ist faszinierend. Ich fühle mich wie die Hauptperson in einem Märchen. Der Wald wirkt verwunschen, fast so als würde kein Baum den nächsten kennen. Der Wasserdunst schluckt selbst die Geräusche, die unsere Füße auf dem steinigen Boden verursachen.

Wir hören die Kühe lange, bevor wir sie sehen. Ihre Glocken verraten sie. Sie haben unsere Witterung aufgenommen und laufen uns hinterher. Immer wieder haben wir auf dem Weg nach Koppeneck tierische Begleitung: Mal Kühe, mal Ponys, Schafe oder Alpakas. Nur Eulen, die sehen wir nicht. Auch nicht auf den Eulenwiesen. Kein Wunder: Die sind natürlich nachtaktiv.

Und trotzdem sind die Eulenwiesen absolut sehenswert: Der Naturschauplatz ist eine Lichtung, auf der ausschließlich Lärchen wachsen. Lärchen brauchen viel Licht und viel Platz, deshalb sieht man sie nur ganz selten in Nadelwäldern. Auf den Eulenwiesen, wo regelmäßig das Gras gemäht wird, fühlen sie sich hingegen wohl. Hier wächst kein Baum, der ihnen das Licht raubt.  Das dunkelgrün der Bäume schimmert durch die Nebelschwaden und hinter jedem Baum scheint ein Fabelwesen zu lauern.

Als wir unweit des Koppeneck aus dem Wald heraus kommen, klart der Himmel langsam auf. Die Gipfel der Umgebung zeichnen sich hinter den Wolken ab. Wir erhaschen einen ersten Blick auf die umliegenden Gipfel. Ein Highlight der Tour zwischen Gleins und Koppeneck – die Talfahrt mit der Sommerrodelbahn – müssen wir leider ausfallen lassen. Bei Nässe ist es zu gefährlich, auf der Metallschiene zu fahren. Aber das, entscheiden wir einstimmig, ist gar nicht so schlimm. So bleibt die mystische Stimmung, die sich während der Wanderung aufgebaut hat, noch ein bisschen länger an uns haften.

Fazit: Wandern macht auch bei widrigen Witterungsverhältnissen richtig viel Spaß – und manchmal sind Regen und Nebel perfekte Begleiter. Ich bin fast ein bisschen traurig, als Robert uns mitteilt, dass für die kommenden beiden Tage strahlender Sonnenschein gemeldet ist. Aber nur ein bisschen.

Info:

Entstanden sind die Eulenwiesen durch Brandrodung. Die Bauern aus dem Tal brauchten zusätzliche Weidefläche, weil die Wiesen im Dorf häufig überschwemmt wurden. Die Lärchen, die sehr viel Wasser speichern können, verbrannten bei der Rodung im Gegensatz zu den anderen Bäumen nicht – sie trieben im nächsten Jahr wieder aus und behaupten ihren Platz dank sorgfältiger Pflege der Fläche bis heute.

Lärchen und Goldlärchen sind übrigens auch die einzigen Nadelbäume, die im Herbst ihre Farbe ändern und ihre Blätter verlieren. Und so sehen die Eulenwiesen auch abhängig von der Jahreszeit bei jedem Besuch anders aus.

(Goldlärchen sind biologisch betrachtet keine Lärchen.)

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