Es ist 15 Uhr. Gleich werden die Pistenbully-Fahrer eintreffen…Ich muss an die Musketiere denken als Sie das Büro des Pistenchefs am Stubaier Gletscher betreten. Wie selbstsicher und souverän sie ist,  die eingeschworene Truppe – allerdings sind es sechs nicht nur vier Mannen. Kurz gibt Walter Müller die Instruktionen für  die bevorstehende Nacht an sein Team aus. „Wer übernimmt heute die Winde?“ – Er ist der lonesome Rider, der den Konvoi verlässt und ganz allein Pisten wie den Steilhang zum Gamsgarten, die Silberschneid oder die  Pfaffenschneid in den nächsten Stunden präparieren wird. Hannes, du hast heute einen Gast. Ich stelle mich vor und verlasse mit allen gemeinsam das Chefbüro durch die verschlungenen Gänge in Richtung Garage.

Die Kraftpakete

Hier steht sie die Pistengeräte Flotte, Hochglanzfahrzeuge der neuesten Bauart von den führenden Produzenten der Branche mit um die 450 Pferde unter der Haube. Denn der Einsatz auf einem Gletscher, auf einer Höhenlage zwischen 1.750 und 3.200 Metern stellt nicht nur die Menschen sondern auch die Technik auf den Prüfstand und verkürzt die Lebenszeit der Maschinen. Untertags, wenn die Pisten am Stubaier Gletscher den Skifahrern und Snowboardern gehören,  stehen die Pistengeräte hier in der Garage, werden gewartet und gepflegt, denn Sicherheit geht vor. So werden nur die unverschiebbaren und wichtigen Fahrten zur Verletztenversorgung oder Behebung technischer Störungen durchgeführt.
Zielsicher steuert Hannes auf seinen knallroten Pistenbully zu.  „Das ist meiner. Ich fahren ihn von November bis April jeden Abend – außer natürlich an meinen freien Tagen. Und er hat mich noch nie in Stich gelassen, “. Er spricht von der mächtigen Maschine wie von einem Freund. Erst ein paar Stunden später wird mir klar, wie wichtig es ist, dass der Pistenbully-Fahrer mit seinem Gerät so vertraut ist wie ein Reiter mit seinem Pferd.

Ab auf die Piste

Letzter Check der Technik und Prüfung des Tankstandes. Der Fahrerraum heißt nicht nur Cockpit, er ist auch so ausgestattet mit Halblenkrad, Touchscreens, Displays und Joystick. Ein Fahrer nimmt den Check noch etwas genauer als Hannes. Er hatte letzte Nacht einige Schwierigkeiten mit dem Stellgerät. Das Problem wurde untertags behoben, denn ein Skigebiet von der Größe des Stubaier Gletschers beschäftigt auch Mechaniker, die mit der Technik der Pistengeräte bestens vertraut sind. Kurz vor 16 Uhr öffnen sich die Rolltore, wir verlassen die Garage und steuern den Daunferner an. Hier haben die Lifte den Betrieb bereits eingestellt. Weitere vier Maschinen folgen uns, die sechste – die Windenmaschine – schert aus in Richtung Pfaffenschneid, eine steile schwere Abfahrt, die besonders die anspruchsvollen Skifahrer lieben. „Das Präparieren der schwarzen Pisten fordert besondere Fahrsicherheit“ erklärt mir Hannes „ist aber seit es die Winden gibt für uns ungefährlich geworden.“

Was jetzt folgt ist Routine. Ganz automatisch reihen sich die fünf Pistengeräte versetzt nebeneinander und fahren den breiten Gletscherhang hinunter, warten unten wieder zu einer Gruppe zusammen, machen kehrt und wühlen sich wieder bergauf. Monoton surrt der Motor, mit dem Joystick justiert Hannes permanent die Einstellung und Höheneinstellung des Räumschildes, denn darin liegt die wirkliche Kunst des Pistenpräparierens. Gerade in einem Skigebiet mit so viel Naturschnee bekommen die Pisten im Laufe des Tages zahlreiche Schneehaufen und Fahrtrinnen. Und am nächsten Tag erwarten wir Skifahrer uns wieder glatte Pisten für den perfekten Schwung.

Inzwischen ist die Sonne fast untergegangen. Beinahe hätte ich dieses faszinierende Naturschauspiel gar nicht beachtet, so sehr hat mich das Hightech Fahrzeug in den Bann gezogen. „Hier oben kann man alles erleben, was die Natur so ausspielen kann. Heute zeigt sich der Gletscher von seiner besten Seite“, versichert mit Hannes, dass die Arbeit als Pistenbully-Fahrer nicht den ganzen Winter so easy ist. Kann ich mir gut vorstellen, denn hier auf 3.000 Metern ist ein Neuscheezuwachs über Nacht von 50 cm und mehr keine Seltenheit. Dann bleiben Hannes und seine Mannen am Berg. Sie fahren die Piste zwei Mal ab, zuerst am Abend und dann nochmals früh morgens ab 2 Uhr. Heute ist kein Schneefall in Sicht, wolkenloses Wetter – ich werde wohl zuhause schlafen können.

Top Pisten fordern Teamarbeit

Nach einem ausgeklügelten System fahren die fünf Pistengeräte die großen Gletscherflächen ab, manchmal schert einer aus, manchmal muss eine Fläche mehrmals angefahren werden…  Aber am Schluss treffen sie sich immer wieder alle und gehen den nächsten Abschnitt an. Jeder kennt an jedem Teil des Gletschers seinen Platz. Sie können sich alle aufeinander verlassen. Kurz flammt die Erinnerung an den ersten Eindruck von dem Team im Büro des Pistenchefs auf.

Es ist dunkel geworden und wir fahren in Richtung Mittelstation. Die Windenmaschine schließt sich uns an. Es ist Zeit für eine Pause und Abendessen. Der Wirt von der Dresdner Hütte kennt den Pistentrupp der Stubaier Gletscherbahn natürlich sehr gut. Jeden Abend zur selben Zeit kommen sie, holen sich Salat und Saft am Buffet und bekommen dann gleich die Vorspeise serviert. Sie haben nur eine halbe Stunde Zeit, dann geht es weiter in die Fernau.

Die Nacht hat ihre Tücken

Wir steigen wieder in unser Pistengerät und fahren los. Wieder bergauf und bergab. Wer meint das sei langweilig, der täuscht. Die Fahrten sind abwechslungsreich und doch  beruhigend zugleich. Hektik ist nicht angebracht nur Konzentration, um die schwierigen Stellen der Hänge zu meistern. Ich kenne den Stubaier Gletscher schon viele Jahre, als Skifahrerin und ehemalige Mitarbeiterin sehr gut – meinte ich – denn erstmals habe ich in dieser Nacht die Orientierung verloren. Mehrmals wusste ich überhaupt nicht mehr, auf welchem Pistenabschnitt wir uns befanden … „Wie muss es wohl einem Anfänger in diesem Metier gehen?“, spukt es mir durch den Kopf.

Und dann steuerten wir auf den Eisgrat zu. „Jetzt geht es durch die Wilde Grubn ins Tal“, erklärt mit Hannes. Seit drei Jahren arbeitet er jetzt am Stubaier Gletscher und präpariert jeden Tag die Hänge im Königreich des Schnees. „Im Pistendienst zu arbeiten, war seit meiner ersten Fahrt mit meinem Vater in einem Pistenbully mein Traumberuf. Auf einem Gletscher zu arbeiten ist für mich die Königsdisziplin.“ Langweilig, nein das wird ihm hier nie. Er freut  sich jeden Tag wieder auf die Arbeit, denn er weiß wofür, erklärt er mit einem Lächeln. „ Die Gäste wollen top Pisten und wir können sie ihnen machen.“

Mittlerweilen ist es kurz vor  23 Uhr. Ich werde müde, nicht so das Pistenteam – ein Abschnitt vor der Einfahrt in die Wilde Grubn  ist in besonders schlechtem Zustand, also wird Schnee vom Hang in das Flachstück geschoben, verfrachtet, glatt gefahren …

Schließlich erreichen wir die Talstation. Die Pistengeräte werden abgestellt. Die Kollegen von der Tagesschicht werden die schweren Maschinen wieder auf den Berg bringen und dann in der Garage zum Auftanken und Pflegen parken, bis Hannes und seine Mannen morgen wieder ihren Dienst antreten.

Schade, dass ich morgen nicht Skifahren gehen kann, denke ich, denn gerne würde ich ein paar Schwünge auf den perfekten Pisten ziehen.

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