Aufmerksamen Lesern meiner Beiträge ist es sicherlich nicht entgangen. Immer wenn ich eine Geschichte zum Stubai-Blog beitragen darf, kommt darin meine Stammunterkunft im Stubaital, der Hoferwirt, vor. Das Gasthaus ist das älteste am Platz in Neustift. Die Grundmauern des Gebäudes stehen schon mehr als 350 Jahre und in dieser Zeit hat das Haus einiges und einige erlebt. Bis Anna Aumayr vor hundert Jahren, am 7. Oktober 1922, den Betrieb übernimmt und damit den Grundstein für einen konstanten Familienbetrieb legt. Mittlerweile wird der Hoferwirt in vierter Generation geführt und das 100-Jahr-Jubiläum zum Anlass genommen, die Geschichte des Hauses Revue passieren zu lassen.

Vom Pfarr- zum Gasthaus

Eigentlich war sogar Kaiser Maximilian „Schuld“, dass die Geistlichkeit in Neustift einzog. Maximilian war der Weg von seinen Jagd-Ausflügen zur Sonntagskirche nach Innsbruck oder Telfes zu weit und so ließ er die erste Kapelle in Neustift bauen. Dort konnten dann Geistliche – bei des Kaiser’s Bedarf – Messen abhalten. Mehr als eineinhalb Jahrhunderte später bekam Neustift schließlich doch den ersten festangestellten Priester und der benötigte eine Unterkunft. Ein Haus mit Stube, Küche, Stadel, Stall und Wurzgarten wurde auf „zwei Fleck Grund“ errichtet. Der Grundstein für den Hoferwirt war gelegt.

Die ersten zweihundert Jahre diente das Gebäude dann als Unterkunft für die Geistlichen und als diese 1870 in ein neues Pfarrhaus übersiedelten, war der Weg für den Umbau zum Gasthaus frei. Der einsetzende Berg-Tourismus sorgte für einen raschen Aufschwung und da dauerte es nicht lange bis die Liegenschaft unter Peter Hofer, vulgo „Kraner“, immer weiter ausgebaut wurde. Als Hofer stirbt, wird der Gasthof verkauft und vom neuen Besitzer, Alois Steuxner, erneut fast komplett umgebaut und erweitert.

Krieg und Neubeginn

Der Gasthof „Zum Hofer“ des Alois Steuxner bat kalte und warme Küche zu jeder Tageszeit, hatte hübsch möblierte Zimmer mit guten Betten und eine Glasveranda. Zum Trinken gab es Tiroler Weine, offenes Bier und in Flaschen sowie eine reelle Bedienung. Bergführer standen ebenfalls immer zur Verfügung. Zumindest ist es auf einem Werbeprospekt von damals so überliefert worden. Der Bau der Stubaitalbahn und das Interesse der Städter für die Berge, bescherten dem „Fremdenverkehr“ eine frühe Hoch-Zeit im Stubaital. Bis der erste Weltkrieg begann und diesen Boom abrupt enden ließ. Auch für den Hoferwirt unter Alois Steuxner bedeutete dies das Aus. Das sollte dann auch einige Zeit lang so bleiben.

Bis 1922 eine resolute und tatkräftige Frau aus dem Pustertal in Südtirol nach Neustift kam und die Gaststätte „Gasthof Hofer“ im Zentrum des Dorfes kaufte. Anna Andratsch, spätere Aumayr, übernimmt den Hoferwirt und baut ihn in der schwierigen Nachkriegszeit Stück für Stück wieder auf.

Giama zum „Aumayr“

Zum Start zu Anna Aumayrs Zeiten mussten die Gäste sogar ihr eigenes Besteck mitbringen, denn es gab nur acht Löffel, kein Wasser und keinen Strom. Dennoch ließ sich die junge Unternehmerin nicht beirren und das Interiör gleich mal auf Vordermann bringen. Der geschickte Kunsthandwerker Josef Alber baute ihr die bis heute erhaltenen, geschnitzten Stuben ein. Eine, die „schöne Stube“, im ersten Stock und die große Zirbenstube im Erdgeschoß. Die Vertäfelungen sind alle nur mit Holz verbunden, es wurde kein Eisennagel verwendet. Damals wie heute sind die Räumlichkeiten beliebt für Festlichkeiten und Treffen aller Art. Dem Elan und der Zuversicht der tüchtigen Frau war es zu verdanken, dass der Hoferwirt sich zu DEM Treffpunkt des alten Neustifts entwickelte, der er noch immer ist. Mit ihrem Ehrgeiz schaffte sie es die acht Löffel um ein Silberbesteck von Berndorf für 120 Gäste zu erweitern und ihrer Gastfreundschaft ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass es auch heute noch oft heißt:“Giama zum Aumayr!“ (Gehen wir zum „Aumayr“!)

Neben der Gastlichkeit, die vor allem Wirtsherr „Ferdl“ mit Kartenrunden und Schachspielen zu pflegen verstand, war es auch das kulinarische Angebot, das es beim „Aumayr“ gab. Besonders im Winter kamen die Bauern nach der Frühmesse gerne zum Aufwärmen und für: „a Saure“, eine Kuttelsuppe, und ein kleines Bier zu Anna Aumayr. Später hat dann Tochter Herta die Rezepte ihrer Mutter weiter gekocht und durch die fein säuberlichen Aufzeichnungen bis in die Neuzeit überliefert. Genauso wie den Betrieb selbst, der sieben Jahrzehnte stets von Frauen geführt wurde.

Tradition und Zukunft

Mittlerweile ist der Betrieb in vierter Generation in der Familie. Anna und Ferdl Aumyar gaben ihn 1970 weiter an Tochter Herta. Über zwanzig Jahre später übergaben sie und ihr Mann, Hans Zittera, an Sohn Werner. Gemeinsam mit seiner Frau Angelika hat er den Hoferwirt ins 21. Jahrhundert geführt und sogar eine Fischzucht integriert. Eine wunderbare Ergänzung zum Hoferwirt und mit frischem Fisch auf der Speisekarte auch etwas besonderes in Tirol.

Werner und Angelika helfen immer noch mit Herzblut und Leidenschaft im Betrieb mit. Die Führung haben aber weitestgehend ihre beiden Söhne Peter und Jakob übernommen. Mit den bestens ausgebildeten Burschen ist die Zukunft des Hoferwirts gesichert. Peter der Koch mit Auslandserfahrung und Jakob als Sommelier und Vermieter sprudeln vor Ideen, werden aber weiterhin Tradition und Moderne verbinden. Peter kocht zum Beispiel immer noch nach den Rezepten seiner Uroma. Vergessene Klassiker neu interpretiert haben es ihm besonders angetan. Der Hit ist dabei die saure Kuttelsuppe seiner Uroma Anna. Sie hat unter anderem auch den Testern des Gault Millau-Guides so gut geschmeckt, dass sie dem Hoferwirt die erste Haube verliehen haben.

Fotos: Landesmuseum, Ferdinandeum, Landes-, Gemeinde- und Kirchenarchiv, Alpenvereinsjahrbücher, große Stubai Monographie 1891, diverse Broschüren und Neustifter Gemeindebücher, Lukas Pfurtscheller, Andre Schönherr, Privatarchiv