Was das Stubaital so einzigartig macht? Die landschaftliche Vielfalt auf engstem Raum. Almböden, Gletscher, Schluchten, Gebirgsseen erscheinen uns heute selbstverständlich, als wären sie schon immer da gewesen. Nur, das Stubaital ist vor Jahrmillionen entstanden, hat sich immer wieder verändert und ist noch lange nicht fertig.

So genau erforscht sind die Vorgänge rund um die Entstehung des Stubaitals, wie wir es kennen, noch nicht. Doch lässt sich mit etwas Aufmerksamkeit und Neugierde vieles entdecken. „Die Landschaft verändert sich ständig. Dieser langwierige Prozess ist aber nicht leicht erkennbar“, bringt es Luis Töchterle auf den Punkt. Er hat sich intensiv mit den landschaftlichen Formen (Geomorphologie) im Stubaital befasst und weiß, sein Heimattal ist noch lange nicht „fertig“.

Dass wir uns über Gebirgsseen wie die „Blaue Lacke“ freuen können, liegt unter anderem am Wirken der Gletscher. Nach ihren Höchstständen von 1850 und 1920 haben sich hinter den Moränen an manchen Stellen Seen gebildet. „Am Unteren Peiljoch ist gerade ein neuer Gletschersee im Entstehen“, berichtet Luis. Mit der Zeit verschwinden diese Seen auch wieder, wie sich in der Hohen Grube beobachten lässt. Bei einem der beiden Seen sind noch vereinzelte Wasserflächen offen, der zweite ist praktisch bereits verlandet, nur noch ein schmaler Bach schlängelt sich durch das Moor. Im Gegensatz dazu ist der nahegelegene Mutterberg See offen. Luis erklärt den Grund: „Im Unterschied zu den beiden anderen hat der Mutterberg See keinen Zulauf an der Oberfläche, der Steine und Sediment in den See einbringen könnte.“

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Auch im Tal lässt sich einiges beobachten: Wer sich etwa am Waldrand von Stackler Richtung Schaller auf den Weg macht, spürt beim Recyclinghof mitten im Sommer einen kalten Luftzug. Die Erklärung für dieses Phänomen sieht Luis in einem großen Felssturz unterhalb des Elfer und Zwölfer: „So entstanden in der gesamten Bergflanke Hohlräume. Durch diese fällt jetzt die kalte Luft aus dem Hochgebirge nach unten und tritt an dieser Stelle wieder an die Oberfläche.“

Gletscher, Bach und Muren

Der Gletscher und die Ruetz mit ihren Nebenbächen sind die Baumeister des Stubaitals. „Wir hatten vier große Eiszeiten, die letzte war besonders prägend für unser Tal“, so Luis. Bis heute sind die Spuren gut zu erkennen: „Die Obergasse in Neustift oder der Gröbenweg in Fulpmes etwa verlaufen auf einem abgeflachten Hangbereich oberhalb des Talbodens. Das sind die Seitenmoränen des großen Talgletschers.“ Typisch für das Stubai sind auch die hochhängenden Seitentäler wie die Wilde Grube, die Glamergrube, Falbesontal, das Pinnis- oder Schlickertal. Die Gletscher aus diesen Tälern haben sich über den großen Talgletscher geschoben. So entstand eine Geländestufe zwischen dem Haupt- und dem Seitental.

In diese steilen Geländestufen haben sich später die Flüsse tief eingegraben wie etwa unterhalb der Ochsenalm. Im Laufe der Zeit gräbt sich der Bach in den Felsen und es entsteht eine Schlucht, wie etwa am Eingang zum Schlickertal oder unterhalb von Fulpmes, wo sich die Ruetz tief in den Untergrund gegraben hat. Eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben die Schluchtstrecken in der Mutterberger Klamm, Oberberg oder Falbeson.

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Auch die Nebenbäche haben zur Gestaltung des Stubais beigetragen, seitlich einstoßende Muren stauten die Ruetz zurück. Dadurch bildeten sich Talbecken wie etwa Klaus Äuele und Krößbach. Die Ruetz wurde gestaut und die Senke im Laufe der Zeit mit Material aufgefüllt. So sind auch das Neustifter Moos durch Pinnis- und Höhlebach, das Becken Fulpmes-Medraz durch den Schlickerbach und Fulpmes-Forchach durch das Griesbachl entstanden.

Lawinen und Muren sind die dritte Kraft bei der Gestaltung des Stubaitals. Dabei hinterlassen Steinschlag und Lawinen steile und Hochwasser flache Schuttkegel. „Die ersten Siedlungen im Stubaital sind an den Rändern solcher Schuttkegel entstanden. Diese Plätze wurden damals wohl als relativ sicher erachtet“, berichtet Luis Töchterle. Nachdem die Menschen gelernt haben, die Naturgewalten besser einzuschätzen und sich einigermaßen zu schützen, haben sie Siedlungen auch auf den Schwemmkegeln gebaut (Milders oder Fulpmes).

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