Nach einem knapp fünfstündigen Aufstieg von Neustift aus, haben wir uns die Brotzeitpause redlich verdient. Wir sitzen in der Sonne vor der Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen in 2.147 Metern Höhe und lassen die Beine baumeln. Viele Wanderer marschieren heute auf gut ausgebauten Wegen zur Hütte. Dass wir das ganz maßgeblich einem Mann zu verdanken haben, der in Neustift seine letzte Ruhestätte gefunden hat, wissen nur die wenigsten. Sein Name war Franz Senn.

Am 19. März 1831 wurde er als jüngster Sohn der Kleinbauern Johanna und Josef Senn in Längenfeld im Ötztal geboren. Sie hatten insgesamt sieben Kinder, vier davon sind früh gestorben. In seiner Kindheit hütete Franz Senn Schafe, Geißen und Jungvieh. Schon früh zog es ihn immer wieder hinauf auf die Gipfel der Ötztaler Alpen. Er wurde von den Einheimischen deshalb für „verrückt“ erklärt, denn die Berge gelten seit jeher als Sitz der Götter und Dämonen. Seine zweite Leidenschaft galt der Kirche, er wurde Ministrant bei Christian Falkner. Senns sehnlichster Wunsch war es, Priester zu werden. Christian Falkner, der Frühmesner, sorgte dafür, dass er das Jesuiten-Gymnasium in Innsbruck besuchen konnte, um danach in Innsbruck, München und Brixen zu studieren. Nachdem er 1859 zum Priester geweiht wurde, arbeitete er als Kaplan in Zams, Serfaus und Landeck, bevor er nach Vent im Ötztal versetzt wurde. Dort übernahm er als Kurater die Pfarre, unterrichtete zusätzlich die Kinder und da er als Einziger in der Gegend schreiben konnte, wurde er auch noch oberster Herr der Gemeinde.

Er verstand sich nicht als Seelsorger, sondern als „Menschensorger“. Es war immer sein Bestreben den armen Bergbauern zu helfen, indem er ihnen Möglichkeiten zum Nebenerwerb verschaffte, sei es als Bergführer oder Träger für die Bergsteiger. Nur der Tourismus konnte die Not der Bauern lindern, so dachte Franz Senn. Er baute auf eigene Kosten die Pfarrei aus und richtete Gästezimmer und eine alpine Bibliothek ein. Im Sommer 1861 hatte er bereits 200 Übernachtungen in seiner Pfarrei. Mit den einheimischen Bauern und Arbeitern baute Franz Senn Wege vom Tal nach Vent und in die umliegenden Berge. Da er selber auch ein leidenschaftlicher Bergsteiger war, unternahm er viele Erstbesteigungen unter anderem auf die Finail- und Vernagtspitze und den Brochkogel. Außerdem wurde das Pfarrhaus zum zentralen Bergführerbüro und Franz Senn bildete Bauern zu Bergführern aus.

franz-senn-portrait-schwarzweissDie Bemühungen von Franz Senn, das Wegenetz immer weiter auszubauen, verschlangen sein gesamtes privates Vermögen. Er musste Schulden machen, denn weder das Ordinariat noch die Landesregierung wollten in den Wegebau investieren. Franz Senn verschuldete sich immer mehr. Nicht einmal der 1862 in Wien gegründete österreichische Alpenverein war an seinen Plänen mit einer finanziellen Unterstützung interessiert. Sieben Jahre später, am 9. Mai 1869 wurde dann – unter anderem auf Initiative von Franz Senn – der deutsche Alpenverein in München gegründet. Franz Senn war zu dieser Zeit bereits von verschiedenen Krankheiten angeschlagen und bat den Bischof in Brixen 1871, als in seinem Pfarrhaus bereits 750 Übernachtungen pro Saison gebucht wurden, um seine Versetzung. Er hatte keine Zeit mehr in die Berge zu gehen und wollte dem Sommertrubel in Vent entgehen.

Bevor er dann endlich, im Jahre 1881, in seine Wunschgemeinde Neustift kam, verbrachte er noch einige Jahre in Nauders. Die Zeit dort war hart und entbehrlich. Krankheiten und Naturkatastrophen prägten seine Zeit am Reschenpass und er schleppte die Altschulden mit sich.

Seine letzten Jahre verbrachte der 50-jährige Franz Senn im Stubaital. Die Probleme und Sorgen der letzten Jahre haben ihn zwar gezeichnet, in Neustift konnte er aber noch einmal aufblühen und mit seiner Hilfe wird 1882 der Bergführerverein Neustift gegründet. Außerdem plante er den Bau einer weiteren Schutzhütte im Stubaital, da die Dresdner Hütte und die Innsbrucker Hütte sehr beliebt waren, doch bereits zu klein geworden sind. Doch 1883 erlitt er einen gesundheitlichen Rückschlag und fuhr zur Erholung nach Meran. Aber es gab keine Rettung mehr für ihn. Im Alter von 52 Jahren stirbt er am 31. Januar 1884 an Tuberkulose in Neustift. Bei seinem Begräbnis wird er mit einem Edelweißkranz vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein geehrt. Die Bergführer, Trachtenvereine, Schützen und alles was Rang und Namen hatte im Stubaital, war anwesend. Nach der Beerdigung wurde sein Hab und Gut versteigert, um die Schulden für den Hütten- und Wegebau zu begleichen.

Die Eröffnung der Hütte, die ihm zu Ehren im Oberbergtal Franz-Senn-Hütte genannt wurde, hat er leider nicht mehr miterleben dürfen. Dennoch wird der Gletscherpfarrer in ganz Tirol heute noch hoch geachtet und besonders in Neustift geehrt. Es gibt einen eigenen Franz-Senn-Weg durch den Ort und die umliegenden Wiesen und Wälder und sein Grab an der Pfarrkirche in Neustift ist immer geschmückt und wird viel besucht.

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