Elisa Lorenz am Hohen Burgstall

Hoher Burgstall – eine Tour mit Suchtfaktor. Ich bin süchtig. Süchtig nach der Natur, nach den Bergen und den Alpen. Einer der Gründe, warum es mich vor einiger Zeit vom Osten Deutschlands in den Süden verschlagen hat. Und diese Sucht fragt permanent nach mehr. Während jeder Tour in den Bergen überkommt mich dieses unbändige Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl, so unbeschreiblich schön wie der Blick auf die umliegenden Gipfelspitzen. Auf einmal bin ich alles und dann wieder nichts. Ich blicke vom Gipfel hinunter ins Tal und fühle mich lebendig. Ich blicke auf die kargen schroffen Bergspitzen um mich herum und mir wird wieder bewusst, wie klein und unbedeutend ich im Angesicht dieser Riesen doch bin. Dieses Gefühl macht einfach abhängig. Und ich zehre lange von solchen Augenblicken. Einen dieser Momente hatte ich letztens wieder auf dem Hohen Burgstall, einem der Seven Summits des Stubaitals. Die Seven Summits – das kenne ich doch irgendwoher? Weltweit gesehen sind sie die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente. Im Stubaital aber spielt die Höhe eher eine Nebenrolle. Hier geht es um Charakter, um Schönheit und Einprägsamkeit.

Den ersten Glücksmoment habe ich schon kurz nach dem Ausstieg aus der Gondel an der Bergstation Kreuzjoch. Bei der Aussicht steigt meine Vorfreude ins Unermessliche. Die Sicht ist klar, die Luft angenehm frisch und der Himmel strahlt in tiefstem Blau. Zum Verweilen ist aber keine Zeit, schließlich warten noch viel schönere Aussichten auf uns. Die ersten rund 30 Minuten schlängelt sich der Weg leicht ansteigend nördlich des Kreuzjochs. Schatten und Sonne wechseln sich ab, der Schatten der Lawinenverbauungen wirft ein schachbrettartiges Muster auf den schmalen Pfad. Rechts taucht die Sennjochhütte auf, für eine Einkehr ist es aber noch viel zu früh. Bei dem Gedanken an ein kühles prickelndes Radler nach dem Abstieg macht mein Herz einen Freudensprung und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Mein Blick streift entlang der Bergspitzen und weiter oben sehe ich den Hohen Burgstall. Ich erkenne den Weg, wie er sich immer am Hang entlang nach oben schlängelt. Und entdecke ein paar Menschen in einiger Entfernung. Ihre Rucksäcke leuchten rot und blau und bilden kleine Farbtupfer vor dem grauen, steinigen Hintergrund. Der Weg wird steiler und meine Augen richte ich jetzt immer mehr auf jeden Schritt. Dann kommen wir an diesem Schild vorbei. Sir Edmund Hillary, der Erstbesteiger des Mount Everest, trainierte für seine Himalaya-Expedition in Österreich und bezwang 1949 mit dem Hohen Burgstall seinen ersten Gipfel in den Alpen. Ich mag solche Informationen und freue mich jedes mal, wenn ich sie an Ort und Stelle in ansprechendem Design vorfinden kann. Ich trete also in die Fußstapfen des legendären Bergsteigers. Naja, mehr oder weniger. Eine Tour ins HimalayaGebirge ist nicht geplant und von wirklichem Bergsteigen bin ich meilenweit entfernt. Weiter geht es, am Südhang des Niederen Burgstalls entlang. Rechts von mir der Berg, links fällt der Hang steil ab und läuft sanft in einem kleinen, mit Gras bewachsenen Kessel aus. Ein paar Kühe grasen gemütlich in der Vormittagssonne und das Geräusch der Kuhglocken begleitet uns noch einige Höhenmeter. Dem Niederen Burgstall schenken wir nur kurz Beachtung, denn unser Ziel liegt knapp 200m höher. 5 Minuten später muss eine Entscheidung getroffen werden. Rechts oder links? Wir lassen unseren Bergführer entscheiden. Es geht rechts lang, über einen steilen Schutthang auf der Nordseite hinauf zum Gipfel. Der Weg wird sofort anspruchsvoller, ein kleines Vorspiel für den weiteren Aufstieg. Ich packe meine Kamera weg, denn jetzt brauche ich beide Hände und meine volle Konzentration. Kurze Zeit später erreichen wir den Einstieg in die Schlüsselstelle, in der Felsrinne geht es nur kletternd voran. Mein Herz klopft. Alle paar Meter gibt es eine Sicherung, ich klammere mich daran fest und lasse meinen Blick nach oben schweifen. Der Fels ist brüchig und jeder Schritt muss gut geplant sein. Nur noch ein paar Meter – geschafft. Meine Knie zittern leicht und ich genieße den Blick hinunter. Eine kurze Verschnaufpause, ein Schluck aus der Wasserflasche und mit der Kamera im Anschlag geht es noch die letzten Höhenmeter hinauf zum Gipfel. Und dann sind wir da. 360 Grad atemberaubender Ausblick, 360 Grad voller Sicht auf die schönsten Berggipfel, 360 Grad Freiheit pur. Ich muss lachen. Da ist es wieder. Dieses unbeschreibliche Gefühl. Eine Weile genießen wir den Augenblick, zusammen mit einer Handvoll anderer Wanderer. Ich sehe ein Leuchten in allen Augen. Wohin es für die anderen wohl morgen geht? Wieder nach Hause? Oder ist der Hohe Burgstall erst der Auftakt ihrer Seven Summits Tour? Nach einiger Zeit des Genießens beginnt für uns langsam und schweren Herzens wieder der Abstieg. Meine Knie sind weich und wackelig, ich merke noch die gestrige Tour über zwei Etappen des WildeWasserWegs in den Beinen. Wir wählen diesmal den Weg auf der Südseite des Gipfels und schlängeln uns zwischen den Lawinenverbauungen hindurch. Es ist Ende August, die Sonnenstrahlen kribbeln auf der Haut und mein Magen freut sich bereits auf ein leckeres, deftiges Essen. Wir laufen schweigend hintereinander, jeder ist in seine eigenen Gedanken versunken. Je weiter wir Richtung Bergstation laufen, desto mehr Wanderer kommen uns entgegen. Ein freundliches ‚Grüß Gott‘ hier und ein strahlendes ‚Servus‘ dort. Und dann sind es nur noch ein paar Meter, die Kreuzjochbahn sehe ich schon von weitem. Bei einem prickelndem Radler, deftigen Käsespätzeln und angenehmen Unterhaltungen lassen wir die Wanderung ausklingen. Die Stimmung ist entspannt, fröhlich und ausgelassen. Ich bin glücklich.

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