Thomas Herdieckerhoff_SUT22-c-sportograf_original (8)

Schon zwei Mal durfte ich den Stubai Ultratrail in den letzten Jahren erleben. Allerdings als Fotograf, der das Geschehen von außen beobachtet und dokumentiert. Schon auf diese Art sind die Emotionen dieses Events in der schönen Tiroler Bergregion Stubai deutlich zu spüren – aber wie muss es erst sein mittendrin zu sein, habe ich mich gefragt. Dieses Jahr ergab sich dann die Möglichkeit selbst bei der K20 Distanz dabei zu sein und den Lauf für den Tourismusverband zu dokumentieren. Zudem hat das Stubaital zusammen mit Innsbruck den Zuschlag für die Trailrunning Weltmeisterschaft (WMTRC) 2023 bekommen und wird in diesem Rahmen die Disziplin des Vertical Runs austragen dürfen. Die dafür neu ins Leben gerufene Strecke des Stubai Verticals von Neustift hinauf zur Elferhütte laufen wir natürlich auch gerne mit.

Stubai Vertical

Mein Kumpel Ueli und ich, Thomas, finden uns also am Donnerstag früh am Abend in Neustift ein. Die Anreise stellt sich bei Ueli, wegen Hagel und Stau, als ein wesentlich knapperes Fotofinish heraus als unsere spätere Ankunft im Ziel. Aber die Helfer bei der Startnummernausgabe sind entspannt und gut organisiert und so steht auch einer leicht verspäteten Abholung des Starterpacks nichts im Wege. Ein paar Minuten vor Startschuss stehen wir mit Blick auf die Dorfkirche im Startbereich. Wolken sind aufgezogen, aber bei der Anstrengung über 1.040 Höhenmeter, die uns bevorsteht, werden wir uns über die nicht beschweren.

Kurze Strecke mit hoher Vielfalt

Auf geht’s, der allererste Stubai Vertical ist eröffnet! Anders als bei den etwas längeren Rennen, an denen ich bisher teilgenommen habe, ist die Geschwindigkeit gleich ziemlich hoch, denn bei so einer kurzen Distanz wird natürlich von Anfang an ein höheres Durchschnittstempo gelaufen. Zuerst geht es  ein Stück durch den Ortskern. Das ist auch gut so, denn so kann sich das Feld schon etwas entzerren bevor es auf den Anstieg mit schmalen Waldwegen geht. Schnell steht der Puls auf Anschlag: 170, 175, 180, ob das mein Körper über eine Stunde lang durchhalten kann? Auf schönen Pfaden über Wurzeln und weichen Waldboden und über einen Bach hinüber geht es in vielen Serpentinen den Berg hinauf. Weiter oben dann eine lange Querung mit nur leichtem Anstieg, wo man auch mal einen moderaten Laufschritt durchhalten kann, wenn man nicht Profi-Bergläufer ist. Immer wieder ergeben sich schöne Ausblicke ins Stubaital, das stimmungsvoll mit Wolken verhangen ist. Zwischenzeitlich laufe ich ganz alleine im Wald und frage mich sogar kurz ob ich irgendwo falsch abgebogen bin. Doch dann dringen Jubelschreie und Beifall durch den Wald. An der Bergstation der Elferbahnen, bekommt man durch die Anfeuerung der Zuschauer nochmal einen Motivationsschub, bevor es an das brutale Finale geht.

Endspurt für Weltmeister

Auf über 200 Höhenmetern steiler Skipiste hinauf zur Elferhütte kann man hier nochmal eine richtige Laktatparty für die Oberschenkel schmeißen. Dieser Abschnitt wird sicher nächstes Jahr bei der WMTRC für einen packenden Schlussspurt sorgen, den ich gerne sehen würde. Erstmal muss ich die Strecke aber selbst noch überstehen. Mit der Atmung am Limit setze ich einen Fuß vor den anderen. Über mir kann ich schon den aufblasbaren Torbogen in Stubai-blau ausmachen. Glücklich laufe ich durchs Ziel und nehme auf der grünen Wiese vor der Elferhütte meine Medaille in Empfang. Hier stoßen wir bei wunderbarer Sonnenuntergangsstimmung hoch über Neustift noch auf das ein oder andere alkoholfreie Weißbier an und genießen einen Topfenstrudel, bevor es entspannt mit den Elferbahnen zurück ins Tal geht. Die Generalprobe für den Stubai Vertical ist voll geglückt – eine wunderbare Strecke für einen knackigen Berglauf mit anstrengendem Finish.

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Stubai Ultratrail K20

Nach einem Tag Pause, an dem wir bei einem Besuch in Neustift auf einer kleinen Trailrunning Messe und in unserem Wellness Bereich keinen Stress aufkommen lassen, geht es wieder an den Start für unser Hauptevent. Wir nehmen am Stubai K20 teil, der – wie es der Name verrät – 20 Kilometer lang ist.  Der K20 beginnt in Klaus Äuele, das wir von Neustift gut mit dem Bus erreichen können. An diesem kleinen Idyll sorgen die ersten Sonnenstrahlen für eine schöne Morgenstimmung, während immer mehr Läufer sich einfinden. „Ganz schön gut ausgestattet – die sind hier nicht zum Spaß“, bemerken Ueli und ich in Anbetracht der durchwegs professionell ausgerüsteten Teilnehmer. Nachdem die Pflichtausrüstung überprüft ist stehen wir mit wachsender Aufregung im Startbereich. Pünktlich um 10 Uhr sind wir unterwegs. Jetzt bloß darauf achten sich nicht von den schnellen Startern mitreißen zu lassen, erstmal reinkommen, einen eigenen Rhythmus finden.

Die ersten knapp 10km sind nur leicht ansteigend mit gelegentlichem Auf und Ab. Zum Glück laufen wir erst an der östlichen dann der südlichen Talseite entlang, sodass die Bäume hier noch Schatten spenden – ein Segen an diesem heißen Tag. Am beeindruckenden Grawa Wasserfall geht es direkt vorbei inklusive einer wohltuenden Kühlung durch Wind und Sprühregen. Im recht flachen Gelände bin ich nicht so schnell unterwegs und will mich noch nicht voll verausgaben; mal werde ich langsam überholt, mal ziehe ich nach und nach an Mitstreitern vorbei. Viel los ist inzwischen nicht mehr, das Feld hat sich verteilt. Entlang der vom vielen Schmelzwasser tosenden Ruetz machen wir aber schleichend schon einige Höhenmeter.

Der Anstieg auf den Gletscher

An der Talstation der Stubaier Gletscherbahn gibt es das erste Mal Verpflegung. Ich nehme mir einen Snack und weiter geht’s, auch wenn der Schatten der Station verführerisch ist. Jetzt geht es ans Eingemachte und ich will hier noch etwas rausholen, denn ab hier muss man nicht mehr schnell laufen können. Nachdem der Snack im Gehen doch noch irgendwie den richtigen Weg in den Magen gefunden hat, geht es durch hohe Gräser und Büsche immer steiler hinauf. Ich merke, dass ich hier etwas Zeit gut machen kann und überhole die ersten kleinen Grüppchen von Läufern nach und nach, auch wenn die Mittagshitze nun den Schweiß aus allen Poren treibt. Der Pfad geht in steile Serpentinen über und hier kann man nur an vereinzelten geeigneten Stellen mit Kurzsprints überholen, die richtig Kraft kosten. Aber es geht voran und das gibt Motivation. Ein paar Biegungen über mir sehe ich jetzt auch Ueli, der mir im flacheren Gelände schnell aus dem Blick geraten war. An der Dresdner Hütte laufe ich vorbei ohne an der Labesstation halt zu machen. Kurz nach der Hütte schließe ich zu Ueli auf und wir laufen eine Weile zusammen. Ich überlege, wenn ich nochmal von der Energie eines Gels profitieren will, muss ich es jetzt 500 Höhenmeter vor Ende essen, sonst ist es zu spät. Also irgendwie versuchen während des schnellen Atmens eines runterzubekommen – gar nicht so einfach. Nach einem weiteren steilen Aufschwung, versuche ich nochmal anzugreifen und einen Zahn zuzulegen.

Harte Schönheit

Hier beginnt für mich der schönste Teil der Strecke, denn es gibt etwas technischeres Gelände über Felsplatten, -blöcke und über Wiesen und Bergbäche, auch mit kurzen Stellen bergab in denen man Schwung für den nächsten Anstieg mitnehmen kann. Die Aussicht auf die hohen Berge des Stubaitals wie den Habicht, die Ruderhofspitze oder die Schaufelspitze wird hier oben auch immer besser. Während ich an einem Stausee vorbeilaufe kommt bereits die Bergstation Eisgrat in Sicht. Man darf sich jedoch nicht täuschen lassen, noch ist es ein gutes Stück und langsam muss ich richtig die Zähne zusammenbeißen um das Tempo zu halten. Über, vom Gletscher komplett glatt geschliffene Felsen komme ich zum letzten Schneerest, der heute auf der Route überquert werden muss. Nur 30 Meter sulziger Schnee sind es noch. Dann geht es mit nun kühlem Wind vom Gletscher um die Bergstation herum auf die Zielgerade. Es ist so ein gutes Gefühl, wenn man weiß man kann jetzt alles geben, weil es nur noch wenige Meter sind. Geschafft!!

Beim Überqueren der Ziellinie brechen so viele Emotionen über mich herein, da ist man etwas überwältigt. Als ich mich wieder fange und meine Medaille bekommen habe, gehe ich gleich Ueli entgegen, um ihn auf den letzten Metern nochmal anzufeuern. Da kommt er auch schon und gemeinsam mit ihm genieße ich ein zweites Mal unter Beifall die letzten Meter in den lebhaften Zielbereich einzulaufen.

Energie tanken auf 3.000 Metern Höhe

Wer auch immer die Idee hatte direkt hinter dem Ziel mit einer monströsen Pfanne wie am Fließband Kaiserschmarrn für die Läufer zu produzieren, sollte befördert werden. Wir decken uns direkt mit einer großen Portion ein und stoßen auf dieses tolle Event mit einem Alkoholfreien an. Den Nachmittag verbringen wir auf der Sonnenterasse, genießen die Stimmung und den Bergblick und Essen und Trinken bis die Speicher wieder aufgefüllt sind  – ein sehr gelungener Tag. Wir sind unter den Letzten die am frühen Abend mit der Stubaier Gletscherbahn wieder hinunter ins Tal und mit dem Bus zurück nach Neustift fahren, wo wir uns bei lauer Sommerabendluft noch die Siegerehrung anschauen.

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Stubai statt Dubai

Am Tag nach einem solchen Rennen sind die Möglichkeiten natürlich etwas eingeschränkt. Dennoch wollen wir gerne noch ein bisschen das Stubaital erkunden. Und mit der Stubai Super Card, die man erhält, wenn man in einem Hotel vor Ort nächtigt, bieten sich da auch viele Optionen. Die Stubai Super Card enthält nämlich alle Eintritte für die Bergbahnen des Stubais, sowie für öffentliche Verkehrsmittel und viele weitere Vergünstigungen im Tal. So fahren wir zunächst beinschonend mit den Schlicker Bergbahnen auf das Kreuzjoch auf 2105m. Gleich von der Bergstation bietet sich ein sagenhafter Blick auf die Felstürme der Kalkkögel. Vor dieser Kulisse machen wir eine kleine Wanderung am Grat entlang mit einer langen Gipfelrast um dieses Panorama auszukosten. Die Landschaft hier bietet hier sehr viele Fotomotive von den schroffen Bergspitzen bis zu bunten Wildblumen. Auch die vielen Paraglider kann man von hier gut beim Starten und Fliegen beobachten. Am Nachmittag fahren wir auf der anderen Talseite mit den Serlesbahnen hinauf zu den Serlesseen. Oben gönnen wir unseren Muskeln ein kühlendes Bad, bevor es mit der Sommerrodelbahn wieder rasant zurück ins Tal geht. Ein geniales langes Wochenende in diesem vielseitigen Tal – da kann man wirklich nur sagen Stubai statt Dubai!