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Wer meine letzten Beiträge hier am Stubai-Blog mitverfolgt hat, dem ist sicherlich aufgefallen, dass meine Leidenschaft – die Wildtierfotografie – schon recht aufwendig ist und etliche Herausforderungen mit sich bringt. Dass ich solche Aufgaben aber auch bewusst suche und liebe was ich tue, konnte ich mit meinen Beiträgen hoffentlich auch vermitteln. Für mich sind Foto-Projekte mit Wildtieren immer besonders reizvoll, wenn sie einen gewissen Schwierigkeitsgrad besitzen und vielleicht auch nicht beim ersten Versuch gelingen. Sei es dabei einzigartige Tiere der Alpen zu entdecken, deren Verhalten zu studieren oder ihre Rituale zu dokumentieren.

Eine der größten Herausforderungen der Wildtierfotografie der Alpen ist die Suche nach dem Urhahn. Genau passend für mich.
Also: „Challenge accepted!“, sagte ich mir und so kann ich euch heute mit auf die Pirsch nach dem Urhahn mitnehmen.

Der Urhahn ist der größte Hühnervogel Europas, besser bekannt als Auerhahn. Trotz seiner Größe, mit vier bis fünf Kilogramm Gewicht, ist er echt schwer zu finden in unseren Gebirgswäldern, man sieht ihn fast nie. Die beste Zeit einen Auerhahn zu Gesicht zu bekommen, ist in seiner Balzzeit. Natürlich habe ich mich dafür vorher schlau gemacht und mir Kenntnisse zu seinem Balzgebiet und dessen Höhenlage, seinem Habitat und noch vielem mehr angeeignet.

Der frühe Aufsteher fängt den Vogel

Am Tag meiner Pirsch klingelte der Wecker bereits um 2:15 Uhr. Schweren Herzens trennte ich mich von meiner warmen Decke und verließ das Bett. Schlaftrunken kreisten mir Gedanken durch den Kopf: „Warum mache ich das eigentlich? Es ist Mitte März, kalt und ich gehe einen Vogel suchen.“ Lange hielten mich diese Fragen allerdings dann doch nicht auf, schließlich musste ich spätestens um 4:00 Uhr an meinem Ziel, dem Balzplatz der Auerhähne, sein. Diesen habe ich dann, nachdem ich mir die Müdigkeit mit kaltem Wasser aus dem Gesicht gewaschen habe, noch eine halbe Stunde mit dem Auto gefahren und ein paar hundert Höhenmeter aufgestiegen bin, auch rechtzeitig erreicht.

Was man wissen muss ist, dass der Auerhahn in der Dunkelheit mit der Balz auf einem Baum beginnt und dann bei Tagesanbruch zur Bodenbalz wechselt, um dort den Hennen zu imponieren.

Ich habe mich also in absoluter Dunkelheit dem Balzplatz genähert, meinen Rucksack abgenommen und mich flach unter einen Baum gelegt. Dort ausharrend ließ ich Ruhe einkehren, um mich voll und ganz auf die Umgebungsgeräusche konzentrieren zu können. Zirka 20 Minuten später ertönte dann auch schon die erste Strophe des Balzgesanges eines Urhahns. Und es sollte nicht bei diesem einen bleiben. Kurz darauf konnte ich nämlich immer mehr Strophen von immer mehr verschiedenen Hähnen rings um mich herum vernehmen.

Die richtige Taktik anwenden und Ruhe bewahren

Nun galt es die richtige Vorgehensweise zu wählen. Ich formte mit meinen Handflächen eine leichte Schüssel um meine Ohren, um die Gesänge der Auerhähne unterscheiden zu können und so herauszufinden welcher Hahn sich am nächsten bei mir befindet. Meine Wahl fiel schließlich auf einen Hahn, der bergwärts vor mir seine Strophen sang. Bei dem Versuch sich anzupirschen, gilt es auf keinen Fall andere Hähne zu verschrecken. Die Flucht eines einzelnen Vogels kann bewirken, dass alle Hähne im Balzrevier abstreichen. Eine Kettenreaktion, die es definitiv zu vermeiden gilt. Auch weil ich als Fotograf auf keinen Fall eine Balz stören möchte.

Vorsichtig machte ich mich auf die Pirsch in die Richtung meines ausgewählten Hahns. Als die Strophen lauter wurden, schlussfolgerte ich, dass ich seinem Balzbaum immer näher kam, konnte aber nichts erkennen, weil es immer noch stockfinster war. Also hielt ich inne und sah zu was passiert. In der Dämmerung wurde der Himmel im Hintergrund der Bäume schließlich etwas heller und ich konnte den Umriss eines Auerhahns langsam erkennen. Und der war wahrlich eine Erscheinung: Ungefähr einen Meter groß und eine Flügelspannweite von zirka 90 Zentimetern balzte er auf einem Baum.

Jetzt kam es darauf an nicht zu ungeduldig zu werden. Ich versuchte zwar einige Aufnahmen von der Baumbalz zu machen, die Lichtverhältnisse in den Morgenstunden waren aber noch zu schwach und so gelangen mir nur Bilder von seiner Silhouette. Selbst wenn man es geschafft hat, so nahe an einen Auerhahn heranzukommen, darf man nicht nervös werden, wenn man nicht sofort gute Bilder machen kann. Der kleinste Fehler reicht in so einer Situation aus und der Urhahn streicht ab. Und das wäre natürlich sehr schade, wenn man es schon so weit geschafft hat.

Das Glück des Geduldigen

Geduldig aber trotzdem sehr angespannt,  wartete ich bis das Licht besser wurde und hoffte darauf, dass der Hahn seinen Balzbaum verlässt, um die Balzarena am Boden aufzusuchen. So habe ich es mir unter meinem Tarnüberwurf gemütlich gemacht und wartete. Dann, plötzlich, fing der Hahn an nervös zu werden und machte sich für den Abflug zur Balzarena am Boden bereit. Auch bei mir stieg die Nervosität, vor allem als ein wahnsinnig lauter Flügelschlag des Hahns ertönte, und da schossen mir viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. „Wird der Auerhahn abstreichen? Welchen Balzplatz am Boden wird er anfliegen? Ist das Licht ausreichend? Wird er mich bemerken? Auf welcher Entfernung wird sich der Auerhahn niederlassen?“

Sehr viele Punkte müssen funktionieren, um solch einen scheuen Vogel in einem weitläufigen Wald auf Fotodistanz vor die Linse zu bekommen. Wenn sich der Auerhahn dazu entschließt hundert Meter weiter bergauf zu landen, dann habe ich als Fotograf den Kürzeren gezogen. Doch nicht an diesem Tag. Der Urhahn landete nach seinem lautstarken Start vom Baum direkt in der von mir erhofften Balzarena. Trotzdem konnte ich auch dann noch nicht volle Kanne drauf losfotografieren. Zuerst musste ich beobachten wie sich der Auerhahn verhält. Denn, wenn so ein wunderbarer Vogel den Balzplatz am Boden bezieht, ist er in erster Linie natürlich einmal sehr angespannt. Befinden sich doch auch viele Räuber auf dem Boden und der Hahn begibt sich in sehr große Gefahr. Er riskiert also extrem viel für die Liebe.

Deshalb wartete ich noch eine Weile ab, bis sich die Spannung des Vogels gelegt hatte und so konnte ich anschließend wirklich sehr gelungene Aufnahmen mit nach Hause nehmen. Fast eine Stunde lang balzte der Auerhahn vor meinen Tarnversteck und verließ den Balzplatz erst bei Tagesanbruch. Ich verharrte noch ein wenig unter meinen Tarnüberwurf, um etwas Ruhe in das Revier kommen zu lassen und verließ dann dankend den Ort des Geschehens wieder.

Rentabler Einsatz

All die Strapazen mit dem frühen Aufstehen und dergleichen, waren ein weiteres Mal aller Mühe wert. Es war einfach wieder ein wahnsinnig toller Morgen und das Gefühl schon so viel erlebt zu haben, wenn der Tag erst erwacht, ist immer unbeschreiblich schön. Ich freue mich schon auf weitere Begegnungen mit dem größten Hühnervogel Europas oder auch anderen Wildtieren des Stubaitals.