Wenn das Vieh seinen Weg von der Sommerfrische auf der Alm in den heimischen Stall antritt, ist eines klar: „Der Summa isch umma!“, was soviel bedeutet, wie der Sommer ist nun vorbei. Doch von Wehmut keine Spur, der Herbst als beste Zeit fürs Wandern und um erste Skischwünge am Stubaier Gletscher zu ziehen wird im Stubaital mit dem traditionellen Almabtrieb samt zünftigen Festen eingeläutet. Bei den Vorbereitungen durfte ich Landwirt Lukas Rasinger von der Froneben Alm und seinen fleißigen Helferinnen und Helfern über die Schultern schauen.

Rund 40 Stück Schmuck gilt es im Vorfeld für das Milch- und Jungvieh der Rasse Braunvieh zu binden. Kitsch und Plastik sucht man dabei Gott sei Dank vergebens, denn alles entsteht in Handarbeit aus echten heimischen Naturmaterialien. Die zwischen drei und fünf Kilo schweren Vorkehrungen und Gestelle an und um die teilweise gebunden wird, werden in der Region geschmiedet. Nicht umsonst ist Fulpmes bekannt für seine große Tradition im Schmiedewesen.

Doch geschmückt wird nicht nur das Vieh, auch die sogenannten „Ofoara“ (Abfahrer) die das Vieh ins Tal begleiten erhalten einen gebunden Schmuck, den sie auf ihren Hut stecken. Ganz romantisch schenken viele der „Ofoara“ das hübsche Büschelchen nach getaner Arbeit ihrer Herzdame.

Rund zehn Tage vor Almabtrieb wird mit dem Sammeln der verschiedenen Zweige, Pflanzen und Beeren begonnen. Lukas erzählt, dass für den letzten Almabtrieb drei Erwachsene und zwei Kinder rund vier Stunden im Bereich Zirmach im beliebten Wanderzentrum Schlick 2000 unterwegs waren.

Gebrockt werden jedes Jahr aufs Neue Zirbenzweige, „Kranewitter“ (Mundart für Wacholder), „Fette Henne“ (auch bekannt als Mauerpfeffer), Vogelbeerzweige, Moosbeerblätter und Almrosen. Die Ausbeute – 10 randvoll gefüllte Kisten – wird dann, gegen späten Nachmittag/frühen Abend, wenn es ruhiger um Haus, Hof und Stall wird von vielen flinken Händen in Form gebracht. Das Wissen wie es am besten funktioniert wird von Generation zu Generation weitergegeben.

 

„Montag und Mittwoch vor dem Almabtrieb waren wir zu siebt jeweils rund vier Stunden beschäftigt, Donnerstag haben wir dann alles fertig gemacht. Wobei ich gestehen muss, dass bei uns, wenn es um das Binden des Schmuckes geht, es sehr stark in weiblicher Hand liegt. Ein Danke also an die unermüdlichen kreativen Helferinnen“, führt Lukas aus.

 

Und das mit der weiblichen Hand stimmt, denn als ich beim Werkeln dabei sein durfte, fand ich geballte Stubaier Frauenpower vor. Lukas kam etwas später nach, denn eine seiner Kühe hatte gerade gekalbt. Die Tage ist wirklich viel zu tun für das Team der Froneben Alm. Doch Stress merkt man hier niemanden an, dafür spürt man das Herzblut mit dem alle bei der Sache sind. Gelebte Tradition würde ich hier gerne in „geliebte“ Tradition umwandeln, es wird dem hier herrschenden „Geist“ um den Almabtrieb mehr gerecht.

Der fertige Kopfschmuck wird dann auf die Alm gebracht, damit am Samstag in Ruhe geschmückt werden kann. Gegen 09:30 und 10:00 Uhr beginnen Lukas & Co. mit dem Anbringen der Glocken, dann folgt der Schmuck.

Giselle, Elenore und Lea

Was sich anhört wie die Riege internationaler Topmodels sind die „wahren“ Chefinnen in Lukas’ Stall. Leitkühe wie sie im Bilderbuch stehen. Lea jahrelang treu dienende Leitkuh in wohlverdienter Pension wird das Rennen um die führende Rolle beim Almabtrieb 2019 nicht mehr machen. Bleiben Giselle und Elenore und die Frage, wer Austria’s next Topleitkuh 2019 wird? Ich, für meinen Teil, bin auf jeden Fall gespannt! Erkenntlich wird die Gewinnerin nicht nur an ihrer Führungsposition, sondern auch am auffälligsten und schönsten Kopfschmuck sein.

Die Damen sind in Sachen Catwalk übriges etwas wählerisch. Schotter liegt ihnen gar nicht, weiche Almböden umso mehr. Aber egal um welche Art Untergrund es sich handelt, den Weg zurück ins Tal und den heimischen Stall kennen sie genau. Wenn sich die Herde in Bewegung setzt, das Läuten der Glocken langsam leiser wird und etwas Ruhe einkehrt, überkommt die auf der Alm Gebliebenen dann doch ein kurzes Gefühl der Wehmut, es ist klar „der Summa isch umma!“.

Den Abfahren hingegen bleibt keine Zeit für Melancholie, freudig geht es ins Tal. Dort angekommen gilt es noch den Schmuck wieder abzunehmen, das Vieh zu melken um dann im Musikpavillon Fulpmes beim Fest mit einem Bier auf den erfolgreichen Almabtrieb anzustoßen. Und sein Herzblattl fürs Büscherl zu finden!

 

 

Stubaier Almabtriebe 2019 auf einen Blick:

Schafalmabtrieb Volderau

14.09.2019, Gasthof Volderauhof, Einzug der Tiere ca. 11:00 Uhr

Traditioneller Almabtrieb Fulpmes
21.09.2019, Musikpavillon Fulpmes, ab 11:00 Uhr Bauernmarkt und Frühschoppen mit „Die Schilehrer aus dem Stubaital“, Einzug der Tiere ca. 12:00 Uhr

Traditioneller Almabtrieb Neustift

21.09.2019, Musikpavillon Neustift, musikalische Untermalung und Tiroler Köstlichkeiten, Einzug der Tiere ca. 12:30 Uhr

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